Macht Geschichte. Macht Geschichte. Macht Geschichte!


Menschlichkeit.
September 4, 2007, 5:22 pm
Filed under: Ich erzähl dir alles.

Schon immer wunderte ich mich über dieses überaus seltsamen Begriff. Menschlichkeit. Für die meisten bedeutet das etwas positives…
„Für mich nicht!“ sagte der Fremde mit dem zerzauselten Haar und der viel zu kleinen Brille, der sich an den Nebentisch setzte. Erst ein paar Momente später bemerkte ich, dass er nicht mich ansprach, sondern, dass er der Kellnerin zu verstehen gab, dass er keine Milch – im Gegensatz zu seiner Begleitung – in seinem Kaffee haben wollte. Wohl hatte er dabei aber bemerkt, wie ich ihn dabei anstarrte. „Kann ich irgendwas für Sie tun?“ fragte er in einem sehr höflichen Ton und ich sah aus den Augenwinkeln, wie mich seine Tischpartnerin argwöhnisch betrachtete. „Äh nein. Wieso?“ fragte ich überrascht und schaute nervös auf die Straße. „Nur so. Sie sehen so aus, als ob sie Hilfe bräuchten.“
Na danke. Was soll man darauf denn bitte antworten? Wie sieht man denn aus, wenn man Hilfe braucht? Ich hätte da ja eher an blutüberströmt in einer Ecke liegend oder an etwas dergleichen gedacht. Aber ich saß einfach da, in dieser Kneipe, wartete auf jemanden und dachte über dieses dämliche Wort nach.
„Nee bei mir ist alles ok. Danke der Nachfrage.“ meinte ich, immer noch etwas irritiert.
Gleich nachdem ich das gesagt hatte und der Mann auch noch irgendwas erwiderte, schweifte ich gedanklich wieder ab. Dieses verdammte Wort! Menschlichkeit. Warum zur Hölle, wird das als so unglaublich positiv erachtet? Es ist ein Widerspruch in sich. Wieso merkt das denn keiner?? Ich kann ja auch nicht sagen: „Du warst tierisch gut, aber hast menschlich versagt!“. Das wäre ja die absolute Unterwerfung! „Menschlich versagen“. Das tun wir doch ständig, also sollte man es doch von Anfang an, als etwas Negatives betrachten. Hitler war dann wohl der menschlichste Mensch von allen Menschen. Denn „menschlich“ kann eigentlich wirklich nur absolut bedingt etwas gutes bedeuten. Mir fällt in diesem Moment noch nicht mal ein Beispiel ein.
Während sich Gedanke an Gedanke reihte, merkte ich, dass mich etwas an der Schulter streifte. Ich tippte auf ein Versehen. Doch dann wurde es zu einer Art Klopfen, und ich war gezwungen mich umzudrehen. Da saß immer noch der Mann, aber mittlerweile ohne seine Begleitung. Vielleicht war sie aber auch nur auf Toilette gegangen. „Du bist so jung und machst dir schon so viele Gedanken!“ sagte er auf eine fast didaktische Art und Weise. „Das ist doch nichts negatives. „Menschlichkeit“ ist was negatives!“ antwortete ich grinsend. Er überlegte kurz.
Als er gerade antworten wollte, kam endlich meine Verabredung: „Eva, du bist ja schon beim zweiten Bier!“. „Was für ein aufmerksamer Beobachter du doch bist. Ich warte ja auch schon fast eine Stunde auf dich!“ erwiderte ich etwas angepisst, obwohl ich eigentlich gar nicht böse war. Ich guckte zur Seite und sah, wie der Mann mich erwartungsvoll anschaute, um mir seine Antwort aufs Auge zu drücken. Ich schaute wieder weg, ging zur Bar, bezahlte und sagte „Komm, wir gehen woanders hin!“. Im Vorbeilaufen sagte ich zu ihm: „Menschlichkeit ist vollkommen überbewertet.“, sodass der Mann mit den zerzauselten Haaren seinen Mund endlich schloss und mir versöhnlich zunickte.
„Wer war das denn?“ fragte mich meine Begleitung nach ein paar Metern. „Hitler.“ antwortete ich trocken.

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4 Kommentare so far
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jeah, ich muss erstmal meine ausdrückliche begeisterung über diese idee äußern! superevageschichten, ich freu mich!
und das ist ja wohl auch mal ein krassgeiles debüt für den neuen blog hier! es muss weitergehn! ich bin gespannt auf viel lesestoff, wenn ich in münchen sitz! 😀

Kommentar von karlikarl

So. Nun kommt konstruktive Kritik. Also weil ich ja selber schreibe, habe ich da ein paar Anregungen. Zunächst aber erst nochmal Gratulation zu dieser coolen Idee. Wie gesagt, hab mir ja schon überlegt, ob ich das auch mal kopieren sollte. Es ist immer gut, wenn man sich an den Gedanken gewöhnt, Texte zu veröffentlichen, also so vielen Menschen wie möglich zugänglich zu machen. Damit hatte ich und habe ich ja immernoch so meine Schwierigkeiten. Daher „Hut ab“ vor deiner Offenheit.
Nun die Kritik:
Zunächst eine Kleinigkeit: Rechtschreibung bei „etwas negativem“ da wird negativ großgeschrieben. Also: „das ist etwas Negatives“.
Dann ist mir aufgefallen, dass ein ziemlich großer Kontrast zwischen der wörtlichen Rede und dem restlichen Erzählstil besteht. Ist sicher beabsichtigt und auch nicht negativ aufgefallen sondern einfach „außergewöhnlich“. Also entweder ein typischer Merkmahl, was auf eine Meyer’sche Geschichte schließen lässt oder unbewusst? Nur mal zum drüber nachdenken, weil evtl. ist es ja garnicht deine Absicht gewesen? Rein vom Aufbau her ist die Geschichte sehr gut. Man ist gleich im Geschehen drin, was gut ist bei Kurzgeschichten, allerdings gerät das Ganze zur Mitte hin etwas ins Stocken. Was mir da immer hilft, ist, wenn man die Geschichte einfach nochmal schreibt, ohne sie sich nochmal durchzulesen, sodass du quasi zwei unabhängige Versionen hast, die du vergleichen kannst. Oft verwendet man in der zweiten Version Worte und Stilmittel, die einem bei der ersten einfach gefehlt haben bzw. in dem Moment nicht eingefallen sind, und die das ganze lebhafter machen.
So. Also nochmal dickes Lob. Hoffe, du findest deinen eigenen Stil, bin auf jeden Fall auf mehr gespannt!

Kommentar von Katrin

@Katrin Merkmal schreibt man ohne ‚h‘ 😉
Jokes aside, schöner Text 🙂 mehr davon! Und ich muss dir doch mal dieses Buch ausleihen von dem ich dir mal erzählt hab (Arno Gruen, der Fremde in uns).

@Menschlich
Ich denke menschlich ist so vieles, alles was uns eben von den anderen Tieren so unterscheidet.. und das sind so viele positive, negative, neutrale Dinge. Ich würde jetzt auch nicht sagen, dass es ein durchgehend positiv belegtes Wort ist aber mit Sicherheit denken die meisten erstmal an etwas positives bevor sie sich (wenn überhaupt) all ihrer eigenen und der Schwächen bewusst werden die sie mit allen anderen Menschen teilen.. Anderes schönes Exemplar aus der Kategorie der gegensätzlich mehrdeutigen Wörter: Seblstlos. 🙂
eignet sich auch wunderbar zum Bedenken.
Bis bald mal wieder!

Kommentar von Chris

Haha stimmt, ich hab „ein typischer Merkmahl“ geschrieben. Aja ne, da sieht man’s mal wieder – man sollte immer erst vor seiner eigenen Türe kehren. Hrhr. Aber sons war alles ernst gemeint 😉

Kommentar von Katrin




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