Macht Geschichte. Macht Geschichte. Macht Geschichte!


Wo kämen wir hin.
Oktober 1, 2007, 10:49 pm
Filed under: Ich erzähl dir alles.

Kennst du das; wenn man versucht die Augen aufzumachen, einen aber die Sonne dermaßen ins Gesicht scheint, dass die Lider weigern sich zu öffnen?

„Scheiße, jetzt hab ich schon wieder meine Sonnenbrille vergessen!“ sage ich zu der Person, die eigentlich neben mir auf der Decke liegen sollte. „Äh wo bist du?“ frage ich verunsichert, nachdem ich mich ein paarmal umgesehen hatte. Die Sonne hindert mich immer noch daran, meine Augen ganz zu öffnen; das könnte aber auch daran liegen, dass ich zu viel Zeit in einem dürftig beleuchteten Raum verbracht habe und meine Sehfähigkeit sich nun dazu entschlossen hat, sich auf ein Minimum zu beschränken. Hm, tut mein Gehirn ja gerade auch bloß. Ich drehe mich noch einmal um und schaue kurz zu den Leuten, die neben uns saßen und nun dabei sind, aufzubrechen. Dabei fällt mir auf, dass scheinbar alle an diesem Flußufer den gleichen Entschluss gefasst haben. Alle rollen ihre Decken zusammen und sammeln sogar anständigerweise ihre Glasflaschen ein, um sie an die Mülltonnen zu lehnen, damit die üblichen Leute diese dann einsammeln können, um sich von dem Pfand dann vielleicht etwas zu Essen zu kaufen – oder vielleicht doch bloß Bier. Aber ich möchte hier auch gar nicht in Klischees abtriften. Fakt ist, dass ich alleine auf der Decke liege und mich nun frage, ob ich eigentlich geschlafen habe. Und warum, zur Hölle, sieht das hier grade aus, wie eine Völkerwanderung?! Wo gehen die denn alle hin? Und warum ich hier alleine sitze, konnte ich mir auch noch nicht erklären. Es ist noch ziemlich warm und der Himmel ist wunderbar kitschig blau. Noch ein Grund, der mich nicht verstehen lässt, warum hier gerade alle in die gleiche Richtung verschwinden. Scheinbar habe ich doch geschlafen und in der Zeit gab es irgendeinen Alarm und mir sagt hier einfach niemand Bescheid. Aber, wenn ich näher drüber nachdenke, sehen die Menschen nicht so aus, als ob sie grade von einer Sirene getrieben, ihr Hab und Gut in Sicherheit bringen wollen. Nein, sie gehen ganz gemütlich in Richtung.. in welche Richtung gehen sie eigentlich? Das ganze Treiben macht mich jetzt schon etwas nervös. Zu wissen, dass ich hier gleich ganz alleine sitzen werde, gibt mir kein gutes Gefühl. Also roll ich eben auch die Decke zusammen und laufe den Leuten einfach hinterher.

So ein Spaziergang tut, vor allem nach so einer Nacht, echt gut, stelle ich zufrieden fest und stehe dem Geschehen, den Leuten mit den Decken unter dem Arm zu folgen, fast gleichgültig gegenüber. Ich genieße den wohl letzten warmen Tag und ägere mich nur immer noch ein bisschen, meine Sonnebrille nicht dabei zu haben.

Etwa eine halbe Stunde laufe ich der Menschentraube nun schon hinterher. Ich falle ja gar nicht auf, da ich auch eine Decke unter dem Arm habe. Wie schnell man sich doch mit einer Gruppe durch so ein banales Detail verbunden fühlen kann.

An einem mit Efeu bewachsenen verschnörkelten Eisentor bleibe ich stehen, während die anderen schon darunter durchgelaufen sind. Ich weiß, dass ich hier schonmal war, kann diesen Ort aber gerade keiner konkreten Situation zuordnen. Aber in diesem Moment fällt mir auf, dass das der Eingang zum Friedhof ist. Als ich ein Stück gehe und unmittelbar unter dem Tor stehen bleibe, um zu schauen, wo die Menschen mit den Decken sind, stolpere ich ein Stück zurück, weil ich mit dem, was ich jetzt sehe, nun wirklich nicht gerechnet habe. Mein Atem beschleunigt sich und ich mache wieder einen Schritt nach vorne, um die Situation ein weiteres mal zu überblicken.

Ich sehe die, wie üblich sehr ordentlich angelegten, Wege, welche absolut symmetrisch auf dem Gelände verlaufen. Natürlich sind die Gräber deutlich markanter, als die Schotterwege, aber diese Gleichmäßigkeit wirkt auf mich in diesem Moment absolut fesselnd, obwohl es wirklich Interessanteres zu beobachten gibt. Denn an jedem Grab kniet nun mindestens eine Person – zumindest sehe ich das aus meiner momentanen Perspektive so. Da ich es jetzt aber genau wissen möchte, gehe ich durch das Tor und höre dabei die Kieselsteine unter meinen Schuhen knirschen. Auf dem gesamten Friedhof ist es witzigerweise totenstill. Mir ist es fast unangenehm mich zu bewegen, aber keiner der Leute schenkt mir auch nur den geringsten Funken Aufmerksamkeit, also werde ich, dieser Situation entsprechend, fast etwas übermütig und schlendere an den Gräbern vorbei, um festzustellen, dass wirklich an jedem Grab ein Person sitzt, versunken in ihren Händen. Aber es sieht nicht so aus, als ob sie weinen würden, es sieht so aus, als ob sie einfach an die Person, die da vor ihnen liegt, denken würden oder als ob sie sich dafür entschuldigen wollen, so lange nicht mehr dagewesen zu sein.

Wieder laufe ich in etwa eine halbe Stunde umher, bis mich diese Situation fast ein bisschen wütend macht. Ich beschließe, nach Hause zu gehen und mache mich wieder auf den Weg zum Tor. Als ich schon fast draußen bin, stellt sich mir ein Mann – ich schätze Mitte 30 – in den Weg und schaut mich mit einem unfassbar durchbohrenden Blick an. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und frage ihn: „Warum kommen aufeinmal alle auf die Idee, ihre Toten zu besuchen?“. Sein Blick senkt sich. Eine Weile steht er so da und schaut auf die Kieselsteine, die ich eben noch zum Knirschen gebracht habe. „Wo kämen wir denn hin, wenn alle gleichzeitig beschließen würden, ihre Toten zu besuchen?“ frage ich ihn erneut. Kurz hebt sich sein Kopf und er schaut mich fragend an: „Wie, wo sollen wir denn da schon hinkommen?“. Noch während er die Frage stellt, senkt er seinen Kopf wieder. „Wenn alle gleichzeitig ihre Toten besuchen, wo ist denn dann das Leben?“

„Da ist doch deine Sonnenbrille. Du musst mich damit echt immer nerven!“ sagt jemand, als ich die Augen öffne. Erschrocken schaue ich mich um, und sehe neben uns jemanden, der seine Decke zusammenrollt. Ich drehe mich in die andere Richtung und sehe, wie andere sich der Sonne hingeben und mit Sicherheit nicht ans Aufstehen dachten. „Was schaust du denn so nervös in der Gegend rum?“ fragt sie. „Woher weist du, dass ich meine Sonnenbrille suche?“ entgegne ich noch etwas verpennt. „Ich habe geschlafen und dann hast du mich mit deinem Gebrabbel geweckt. Und ich habe nur irgendwas mit Sonnenbrille gehört und habe dann angefangen zu suchen. Ich dachte du bist wach, und wollte sie dir eben geben. Du redest im Schlaf? Und was hat deine Brille mit einem Friedhof zu tun?“

„Hm achso“. Mehr konnte ich in diesem Moment nicht von mir geben. Meine Augen konnte ich auch noch immer nicht richtig aufmachen.

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2 Kommentare so far
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*____* so passiert?? (@DAT -> verpennt)

Kommentar von Chris

evaeva! so lange hab ichs nich geschafft, dir einen kommentar hierzu zu hinterlassen, obwohl ich gleich beim ersten lesen total hingerissen war. obwohl die geschichte zugegebenermaßen teilweise ein wenig kitschig anmutet, schaffst du es halt eifnach, mich damit in eine stimmung zu versetzen, die manche größten schriftsteller nicht schaffen! also umso geiler! tagträumereien sind ohnehin ein thema, das mir nicht zuletzt aus persönlicher erfahrung sehr liegt ^^ dass deine figuren dann mit so einem gewissen charme innerhalb der träumereien sogar kommunizieren (so ist das bei mir nie), das ist ein besonderes sahnetörtchen, besonders weil dies speziell für mich eine horizonterweiterung darstellt. und solche mag ich besonders, wenn sie für die meisten menschen total unwichtig erscheinen, nur weil sie nichts greifbares sind. es ist nur ein gefühl! schreib weiter, mir egal was, aber was du schreibst, hat gefühl, das ist wichtiger als perfekte wortwahl oder sprachliche mittel.
wie gesagt: liebe.

Kommentar von karl




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