Macht Geschichte. Macht Geschichte. Macht Geschichte!


Irgendwie alles.
August 22, 2008, 4:36 pm
Filed under: Ich erzähl dir alles.

Guten Tag! Meinen Namen möchte ich gleich zu Anfang nicht verraten, doch eher am Ende. Den meisten sollte aber meine Bedeutung und somit meine Betitelung irgendwann im Laufe der Erzählung klar sein.
Ich bin das, was man Spaltung nennt. Über mich wurden vermutlich die meisten Diskussionen geführt, gestritten und geeint. Nein, mein Name ist nicht Religion. Das ist meine doofe kleine Schwester, die dazu neigt mich öfter mal auszunutzen. Wegen mir wurden Schlachten und Kämpfe ausgetragen. Ich weiß, dass das immer noch für meine kleine Schwester spricht, die mich aber allerdings oft für ihre Zwecke missbraucht hat. Sie war eine der ersten, der meine fesselnde Eigenschaft bewusst war und die sie auch zu nutzen wusste. Wehren konnte ich mich schlecht, da ich das gerne tue, was ich ausstrahle, allerdings mag ich es doch eher weniger, ausgenutzt zu werden. Ich bin aber alles in allem ziemlich willenlos und man darf mit mir machen, was man will. Vielleicht selten eine beneidenswerte Eigenschaft, aber so entwickle ich mich ständig und unaufhaltsam weiter. Für den einen bin ich Frieden, für den anderen Krieg. Den einen mache ich glücklich, den anderen traurig. Den einen mache ich noch glücklicher, den anderen noch trauriger. Ich ermutige Menschen zum Leben und zum Suizid. Ich bin das, was aus mir gemacht wird. Jeder darf mich verstehen, wie er möchte und deshalb werde ich von jeden als Rechtfertigung für sein Tun missbraucht. Ich finde es gut und schlecht, aber ich kann mich nicht wehren. Ich bin Verschleißware und gemacht für die Ewigkeit. Ich entdecke Neues und bleibe ewig an Altem hängen. Ich baue Mauern, versperre dir jeglichen möglichen Weg, öffne Türen und deute auf Auswege. Ich bin so paradox, dass für mich ein eigenes Wort erfunden werden müsste. Ich schmettere dich auf den härtesten Untergrund, den es gibt, um dich danach sanft in die Wolken zu heben. Ich verachte Gott und verehre den Teufel. Ich bete Gott an und fürchte mich für den Teufel. Ich glaube an gar nichts und alles. Ich möchte dir so sehr wehtun, dass dein Kopf zerspringt, deine Knie schlackern und du elendig leidest. Ich möchte dir so sehr helfen, dass deine Schritte sich nach Fliegen anfühlen, deine Gedanken sich im Regenbogen spiegeln und du den Horizont küssen kannst. Ich mache alles nieder, um danach alles wiederaufzubauen. Ich will das du stirbst, um danach in mir zu versinken und den einzigen Sinn kennen zu lernen. Von den höchsten Höhen in die tiefsten Tiefen. Wenn es um mich geht, gibt es kein richtig, kein falsch, es gibt nur Individualität. Ich brauche deine Gefühle, um am Leben zu bleiben. Ich will wissen, dass ich dich zum Weinen bringen kann und dass ich dich zum Lachen bringen kann. Ich will alles und nichts. Ich will deine Hingabe, deine komplette Verweigerung, deinen Trotz und deinen Wahnsinn. Ich möchte die Gewissheit, dass du ohne mich nicht leben kannst. In den stillen Momenten wirst du mich vermissen, weil es niemanden geben wird, der dich so versteht, wie ich. Ich bin so komplex, dass jeder mich gleichermaßen liebt und hasst, aber ich bin kein Mittelmaß. Diesen Teil würde ich am liebsten aus meinem Innersten verbannen, zerstören oder zumindest totschweigen. Aber du machst mich zum Thema. Du siehst mich, du hörst mich, du kannst mich fühlen. Das Mittelmaß ist Betrug. Es ist dazu ausgerichtet, dich zu berühren. Eine mathematische Formel irgendwie. Ich will nicht berechnend sein. Ich möchte erforscht werden, in jedes meiner Schatten soll ein Lichtstrahl fallen. So tief und schneidend, dass auch jede Ecke offengelegt wird. Denn alles an mir ist von Bedeutung. Und du formst mich. Du machst mich zu dem, was du brauchst. Und ich bin alles, was du brauchst. Von Nahrung und Sauerstoff abgesehen. Ich bin das, was deine Seele am meisten berührt. In den Momenten, an denen deine Seele gestreichelt wird, sorge ich dafür, dass alles ganz tief in dich eindringt. Du wirst nach einem Halt suchen und wirst nur mich finden. Und ja, ich werde dir die auch die Hand reichen, um dich dann wieder fallen zu lassen, um dich wieder aufheben zu können. Ich weiß alles von dir, weil du mich machst. Du gibst mir den Status in deinen Leben, nicht ich. Ich bin immer der Status Quo. Ich habe immer Recht und du wirst auch immer etwas finden, was nicht stimmt, was gelogen ist. Du fühlst dich wohl in meiner Nähe und hasst es, wenn ich in den falschen Momenten da bin. Dann fließen Tränen. Ich bin nicht Schuld daran, sondern du. Du hast mich dazu gemacht, dass ich dich zum Weinen bringen kann. Aber warte, leg den Schalter um, ich bringe dich auch wieder zum Lachen. Die schönsten Metaphern ranken sich um mich, wie Pusteblumen. Kurz da und schnell wieder vergessen, um dann schnell wieder in dein Leben zurückzukehren, um meinen Platz einzunehmen, der immer besetzt sein wird. Es gibt niemanden, der sich meiner Macht entziehen kann. Kein Arschloch, kein Gutmensch. Kein Erwachsener, kein Kind. Das Zucken habe ich verursacht und werde es immer wieder tun. Dieses wohlige Gefühl. Ja, auch das ist mein Verdienst. Die Gänsehaut, meine größte Auszeichnung. Wenn sich deine Nackenhaare melden, bin ich ganz nah. So nah, wie dir nie jemand sein könnte. Ich schaue deinen Gedanken zu und mag es, wenn sie über mich herfallen, mich jedes mal neu interpretieren. Ich passe in diese Situation und ich passe in das Gegenteil. Ich könnte dir stundenlang zuschauen und mein Hass und meine Liebe würden gleichmäßig wachsen. Hallo, mein Name ist Musik.



Lichtblick.
April 10, 2008, 9:54 pm
Filed under: Ich erzähl dir alles.

Ich mag es, wenn die Sonne die Wolken zerfetzt
die hellblauen Fragmente miteinander vernetzt

So wird es sein, so war es nie
Ist es das oder the way it should be?
Genügsamkeit oder Ekstase?
Beständigkeit oder eine Phase?

Ich mag es, wenn die Sonne die Wolken zerfetzt
und dabei mein Gesicht mit Wärme benetzt

Das ist alles und nicht mehr
Das Ende zu leicht, der Anfang so schwer
Bin ich angekommen oder stehen geblieben?
Habe ich mich gedrängt oder wurde getrieben?

Ich mag es, wenn die Sonne die Wolken zerfetzt
und sie wartet damit auf mich, bis zuletzt



Halb.
Januar 11, 2008, 5:06 pm
Filed under: Ich erzähl dir alles.

Konsequenz,
der Dreck der letzten Wochen
und doch mehr als ein schöner Moment
hätte ich mich doch bloß verkrochen.
Das sage ich jetzt,
die Schatten wieder im Rücken
völlig abgehetzt
um doch nur Zeit zu überbrücken.
Der Fußweg rau und voller Kälte
da erschlägt mich die Erkenntnis,
die den Zweifel erhellte
ich nahm es zur Kenntnis.
Ich sagte doch, die Möglichkeit bestünde,
dass meine Beweggründe
die Ursache sein könnten.
Aber nicht für unser Problem.
Das wäre zu bequem.

Wenn wir ein wenig Ruhe fänden,
dann wäre das schön.
Doch die Unruhe ist die Ablenkung,
die wir wohl brauchen,
von der Anstrengung,
unsere Gefühle zu stauchen.



Unehrlich und emotional.
November 16, 2007, 5:13 pm
Filed under: Ich erzähl dir alles.

Schweigen im Walde, Lärm an der Haltestelle
Kontraste spiegeln und du an der Schwelle
zum Bösen, weg vom Mittelmaß
deine hedonistische Art bringt dir den Spaß
die Leichen rechts und links am Wegesrand
dein nächster Schritt, alle sind gespannt
gespannt schauen wir in dein Gesicht
nein, die Narben verdeckst du nicht
sie stehen für deine Verletzlichkeit,
die so gut ankommt und immer bestehen bleibt
Selbsthypnose steht da auf dem Schild,
was für dich vielleicht am meisten gilt
nur zwischen den Zeilen lesen,
um zu sehen, das war’s gewesen
ich wünsche dir von Herzen das Beste
gehe nach Hause und nehme die Reste



Wo kämen wir hin.
Oktober 1, 2007, 10:49 pm
Filed under: Ich erzähl dir alles.

Kennst du das; wenn man versucht die Augen aufzumachen, einen aber die Sonne dermaßen ins Gesicht scheint, dass die Lider weigern sich zu öffnen?

„Scheiße, jetzt hab ich schon wieder meine Sonnenbrille vergessen!“ sage ich zu der Person, die eigentlich neben mir auf der Decke liegen sollte. „Äh wo bist du?“ frage ich verunsichert, nachdem ich mich ein paarmal umgesehen hatte. Die Sonne hindert mich immer noch daran, meine Augen ganz zu öffnen; das könnte aber auch daran liegen, dass ich zu viel Zeit in einem dürftig beleuchteten Raum verbracht habe und meine Sehfähigkeit sich nun dazu entschlossen hat, sich auf ein Minimum zu beschränken. Hm, tut mein Gehirn ja gerade auch bloß. Ich drehe mich noch einmal um und schaue kurz zu den Leuten, die neben uns saßen und nun dabei sind, aufzubrechen. Dabei fällt mir auf, dass scheinbar alle an diesem Flußufer den gleichen Entschluss gefasst haben. Alle rollen ihre Decken zusammen und sammeln sogar anständigerweise ihre Glasflaschen ein, um sie an die Mülltonnen zu lehnen, damit die üblichen Leute diese dann einsammeln können, um sich von dem Pfand dann vielleicht etwas zu Essen zu kaufen – oder vielleicht doch bloß Bier. Aber ich möchte hier auch gar nicht in Klischees abtriften. Fakt ist, dass ich alleine auf der Decke liege und mich nun frage, ob ich eigentlich geschlafen habe. Und warum, zur Hölle, sieht das hier grade aus, wie eine Völkerwanderung?! Wo gehen die denn alle hin? Und warum ich hier alleine sitze, konnte ich mir auch noch nicht erklären. Es ist noch ziemlich warm und der Himmel ist wunderbar kitschig blau. Noch ein Grund, der mich nicht verstehen lässt, warum hier gerade alle in die gleiche Richtung verschwinden. Scheinbar habe ich doch geschlafen und in der Zeit gab es irgendeinen Alarm und mir sagt hier einfach niemand Bescheid. Aber, wenn ich näher drüber nachdenke, sehen die Menschen nicht so aus, als ob sie grade von einer Sirene getrieben, ihr Hab und Gut in Sicherheit bringen wollen. Nein, sie gehen ganz gemütlich in Richtung.. in welche Richtung gehen sie eigentlich? Das ganze Treiben macht mich jetzt schon etwas nervös. Zu wissen, dass ich hier gleich ganz alleine sitzen werde, gibt mir kein gutes Gefühl. Also roll ich eben auch die Decke zusammen und laufe den Leuten einfach hinterher.

So ein Spaziergang tut, vor allem nach so einer Nacht, echt gut, stelle ich zufrieden fest und stehe dem Geschehen, den Leuten mit den Decken unter dem Arm zu folgen, fast gleichgültig gegenüber. Ich genieße den wohl letzten warmen Tag und ägere mich nur immer noch ein bisschen, meine Sonnebrille nicht dabei zu haben.

Etwa eine halbe Stunde laufe ich der Menschentraube nun schon hinterher. Ich falle ja gar nicht auf, da ich auch eine Decke unter dem Arm habe. Wie schnell man sich doch mit einer Gruppe durch so ein banales Detail verbunden fühlen kann.

An einem mit Efeu bewachsenen verschnörkelten Eisentor bleibe ich stehen, während die anderen schon darunter durchgelaufen sind. Ich weiß, dass ich hier schonmal war, kann diesen Ort aber gerade keiner konkreten Situation zuordnen. Aber in diesem Moment fällt mir auf, dass das der Eingang zum Friedhof ist. Als ich ein Stück gehe und unmittelbar unter dem Tor stehen bleibe, um zu schauen, wo die Menschen mit den Decken sind, stolpere ich ein Stück zurück, weil ich mit dem, was ich jetzt sehe, nun wirklich nicht gerechnet habe. Mein Atem beschleunigt sich und ich mache wieder einen Schritt nach vorne, um die Situation ein weiteres mal zu überblicken.

Ich sehe die, wie üblich sehr ordentlich angelegten, Wege, welche absolut symmetrisch auf dem Gelände verlaufen. Natürlich sind die Gräber deutlich markanter, als die Schotterwege, aber diese Gleichmäßigkeit wirkt auf mich in diesem Moment absolut fesselnd, obwohl es wirklich Interessanteres zu beobachten gibt. Denn an jedem Grab kniet nun mindestens eine Person – zumindest sehe ich das aus meiner momentanen Perspektive so. Da ich es jetzt aber genau wissen möchte, gehe ich durch das Tor und höre dabei die Kieselsteine unter meinen Schuhen knirschen. Auf dem gesamten Friedhof ist es witzigerweise totenstill. Mir ist es fast unangenehm mich zu bewegen, aber keiner der Leute schenkt mir auch nur den geringsten Funken Aufmerksamkeit, also werde ich, dieser Situation entsprechend, fast etwas übermütig und schlendere an den Gräbern vorbei, um festzustellen, dass wirklich an jedem Grab ein Person sitzt, versunken in ihren Händen. Aber es sieht nicht so aus, als ob sie weinen würden, es sieht so aus, als ob sie einfach an die Person, die da vor ihnen liegt, denken würden oder als ob sie sich dafür entschuldigen wollen, so lange nicht mehr dagewesen zu sein.

Wieder laufe ich in etwa eine halbe Stunde umher, bis mich diese Situation fast ein bisschen wütend macht. Ich beschließe, nach Hause zu gehen und mache mich wieder auf den Weg zum Tor. Als ich schon fast draußen bin, stellt sich mir ein Mann – ich schätze Mitte 30 – in den Weg und schaut mich mit einem unfassbar durchbohrenden Blick an. Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen und frage ihn: „Warum kommen aufeinmal alle auf die Idee, ihre Toten zu besuchen?“. Sein Blick senkt sich. Eine Weile steht er so da und schaut auf die Kieselsteine, die ich eben noch zum Knirschen gebracht habe. „Wo kämen wir denn hin, wenn alle gleichzeitig beschließen würden, ihre Toten zu besuchen?“ frage ich ihn erneut. Kurz hebt sich sein Kopf und er schaut mich fragend an: „Wie, wo sollen wir denn da schon hinkommen?“. Noch während er die Frage stellt, senkt er seinen Kopf wieder. „Wenn alle gleichzeitig ihre Toten besuchen, wo ist denn dann das Leben?“

„Da ist doch deine Sonnenbrille. Du musst mich damit echt immer nerven!“ sagt jemand, als ich die Augen öffne. Erschrocken schaue ich mich um, und sehe neben uns jemanden, der seine Decke zusammenrollt. Ich drehe mich in die andere Richtung und sehe, wie andere sich der Sonne hingeben und mit Sicherheit nicht ans Aufstehen dachten. „Was schaust du denn so nervös in der Gegend rum?“ fragt sie. „Woher weist du, dass ich meine Sonnenbrille suche?“ entgegne ich noch etwas verpennt. „Ich habe geschlafen und dann hast du mich mit deinem Gebrabbel geweckt. Und ich habe nur irgendwas mit Sonnenbrille gehört und habe dann angefangen zu suchen. Ich dachte du bist wach, und wollte sie dir eben geben. Du redest im Schlaf? Und was hat deine Brille mit einem Friedhof zu tun?“

„Hm achso“. Mehr konnte ich in diesem Moment nicht von mir geben. Meine Augen konnte ich auch noch immer nicht richtig aufmachen.



Ich mag keine Kinder.
September 9, 2007, 8:27 pm
Filed under: Ich erzähl dir alles.

Die Leichtigkeit des Seins waren nicht nur Worte,
sondern gelebte Taten, ohne Gedanken
eine Straße, eine Wiese, tausende Orte
ich habe dieser Zeit alles zu verdanken

Ein Spaziergang, ein Besuch, um zusammen Spaß zu haben
du wohntest ja nur drei Straßen entfernt
oft mussten wir noch nicht mal etwas sagen
so haben wir das Leben kennengelernt

Wir bekamen fast immer, was wir wollten
wir mussten nur laut genug schreien
was wir uns später abgewöhnen sollten
und vielleicht bis heute bereuen

Mittlerweile weiß ich, was mich daran stört
jahrelang hab ich überlegt
und das hier wohl schon oft gehört
ich hoffe, ihr versteht

Ich mag keine Kinder!
Ich mag keine Kinder!
Ich mag keine Kinder,
weil ich selbst keins mehr bin!

Die Zeit danach hat mich meiner Naivität beraubt,
mich übermäßig nachdenklich gemacht,
und damit meine Motivation geklaut,
und zu viele qualvolle Momente mit sich gebracht.

Deshalb mag ich keine Kinder
man kann sich nicht mal mit ihnen unterhalten
die Qualität eher minder
eher was zum Hirn abschalten

Damals auch den Fänger gelesen
und zum Lieblingsbuch erklärt
ich wäre gerne er gewesen
doch dazu jetzt zu abgeklärt

Sie halten mir einen Spiegel vor’s Gesicht
ich bin unreif und sie sind Kinder
meine Gefühlslage eher gemischt
ich bin Sucher, nicht mehr Finder!

Ich mag keine Kinder!
Ich mag keine Kinder!
Ich mag keine Kinder,
weil ich selbst keins mehr bin!



Menschlichkeit.
September 4, 2007, 5:22 pm
Filed under: Ich erzähl dir alles.

Schon immer wunderte ich mich über dieses überaus seltsamen Begriff. Menschlichkeit. Für die meisten bedeutet das etwas positives…
„Für mich nicht!“ sagte der Fremde mit dem zerzauselten Haar und der viel zu kleinen Brille, der sich an den Nebentisch setzte. Erst ein paar Momente später bemerkte ich, dass er nicht mich ansprach, sondern, dass er der Kellnerin zu verstehen gab, dass er keine Milch – im Gegensatz zu seiner Begleitung – in seinem Kaffee haben wollte. Wohl hatte er dabei aber bemerkt, wie ich ihn dabei anstarrte. „Kann ich irgendwas für Sie tun?“ fragte er in einem sehr höflichen Ton und ich sah aus den Augenwinkeln, wie mich seine Tischpartnerin argwöhnisch betrachtete. „Äh nein. Wieso?“ fragte ich überrascht und schaute nervös auf die Straße. „Nur so. Sie sehen so aus, als ob sie Hilfe bräuchten.“
Na danke. Was soll man darauf denn bitte antworten? Wie sieht man denn aus, wenn man Hilfe braucht? Ich hätte da ja eher an blutüberströmt in einer Ecke liegend oder an etwas dergleichen gedacht. Aber ich saß einfach da, in dieser Kneipe, wartete auf jemanden und dachte über dieses dämliche Wort nach.
„Nee bei mir ist alles ok. Danke der Nachfrage.“ meinte ich, immer noch etwas irritiert.
Gleich nachdem ich das gesagt hatte und der Mann auch noch irgendwas erwiderte, schweifte ich gedanklich wieder ab. Dieses verdammte Wort! Menschlichkeit. Warum zur Hölle, wird das als so unglaublich positiv erachtet? Es ist ein Widerspruch in sich. Wieso merkt das denn keiner?? Ich kann ja auch nicht sagen: „Du warst tierisch gut, aber hast menschlich versagt!“. Das wäre ja die absolute Unterwerfung! „Menschlich versagen“. Das tun wir doch ständig, also sollte man es doch von Anfang an, als etwas Negatives betrachten. Hitler war dann wohl der menschlichste Mensch von allen Menschen. Denn „menschlich“ kann eigentlich wirklich nur absolut bedingt etwas gutes bedeuten. Mir fällt in diesem Moment noch nicht mal ein Beispiel ein.
Während sich Gedanke an Gedanke reihte, merkte ich, dass mich etwas an der Schulter streifte. Ich tippte auf ein Versehen. Doch dann wurde es zu einer Art Klopfen, und ich war gezwungen mich umzudrehen. Da saß immer noch der Mann, aber mittlerweile ohne seine Begleitung. Vielleicht war sie aber auch nur auf Toilette gegangen. „Du bist so jung und machst dir schon so viele Gedanken!“ sagte er auf eine fast didaktische Art und Weise. „Das ist doch nichts negatives. „Menschlichkeit“ ist was negatives!“ antwortete ich grinsend. Er überlegte kurz.
Als er gerade antworten wollte, kam endlich meine Verabredung: „Eva, du bist ja schon beim zweiten Bier!“. „Was für ein aufmerksamer Beobachter du doch bist. Ich warte ja auch schon fast eine Stunde auf dich!“ erwiderte ich etwas angepisst, obwohl ich eigentlich gar nicht böse war. Ich guckte zur Seite und sah, wie der Mann mich erwartungsvoll anschaute, um mir seine Antwort aufs Auge zu drücken. Ich schaute wieder weg, ging zur Bar, bezahlte und sagte „Komm, wir gehen woanders hin!“. Im Vorbeilaufen sagte ich zu ihm: „Menschlichkeit ist vollkommen überbewertet.“, sodass der Mann mit den zerzauselten Haaren seinen Mund endlich schloss und mir versöhnlich zunickte.
„Wer war das denn?“ fragte mich meine Begleitung nach ein paar Metern. „Hitler.“ antwortete ich trocken.